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Der Laacher See

- Sagen und Legenden -

Der Untergang

Hoch stand die Sommersonne am azurblauen Himmel. Ein Seeadler zog schwebend seine Bahnen und ließ seinen Schatten über die große Hanghöhle gleiten, vor der ein paar Frauen hockten und aus feingeflochtenen Körben Kräuter und Beeren nahmen, aussonderten oder bündelten. Bei Sonnenaufgang hatten sich die Männer mit Angelhaken und Handharpunen, die sie im langen Winter aus Reh- und Elchknochen kunstvoll gefertigt hatten, aufgemacht um Fische zu fangen.
Noch immer zog der große Vogel seine Kreise über dem nahen Engelner See, der friedlich dalag, in der Ferne von einem Kranze uralter, mächtiger Eichen und knorriger Kiefern umgürtet.
Über den Hügel, der sich vor dem Wasser wie eine Raubkatze buckelte, kamen hellbärtige Männer. Einige trugen Fanggerät, Fischspeere und Angelhaken an langen Stöcken, andere schleppten junge Bäume. Die Jüngsten liefen voraus mit Binsenkörben und Holzmulden. Sie trugen den Fang des Morgens.
Die junge Frau Haga lauschte zur Hütte hin. Sie sah die alte Sippenahne dort sitzen, die stumm zum Eingang wies. Da wußte Haga, daß sie hingehen mußte, zu ihrem Kinde. Während die Männer der Hütte näher kamen, scholl aus dem Tale Johlen und Kläffen. Eine Schar nackter Kinder lief, begleitet von grauen Spitzhunden, den Hang hinauf. Das war kein leichtes Gehen; Denn der fahle Sand, den wohl einmal der Perler Kopf hergeschüttet haben mochte, ließ die Kinder bei jedem Schritt tiefer einsinken. Jauchzer um Jauchzer schickten sie zur Hütte hinauf. Das war eine Lust, hier zu spielen oder Fuchs, Marder und Hasen nachzustellen! Winters mußten sie mit vielen Menschen hinter der hohen Ringmauer auf der Hochacht wohnen. Die Muhme hatte oft erzählt, daß Wolf, Bär und die dunklen Männer im Winter umgingen.
Vor der großen Hütte am Hang, in der der Häupling Bejo wohnte, machten die Männer halt. Sie luden ab, was sie mitgebracht hatten, teilten die Fische untereinander und gingen zu den anderen Behausungen der Siedlung. Bejo machte sich am Dach seiner Hütte zu schaffen. Er flickte die Löcher mit Rohr und Schilf.
Indessen briet eine ältere Frau Fische im kleinen Herdfeuer vor dem Eingang. Die Sippenahne hockte sich danach zum Essen nieder, und alle taten ihr nach. Dann gingen die Frauen wieder an ihre Arbeit und die Männer zum Mittagsschlaf in die kühlen Erdhöhlen.
Von den Frauen war nur Haga geblieben. Sie trat mit ihrem Kinde auf dem Arme aus der Höhle und schaute immer wieder nach Osten hin. Zuweilen lief ein dumpfes Rollen heran; das war schon seit Tagen so, und kaum einer achtete darauf. Die meisten dachten wohl an ferne Gewitter; Haga aber wurde von diesem Grollen bedrängt. Sie witterte Unheil, das sie und ihr Kind bedrohte.
Die Schwüle des hohen Sommers lastete auf Menschen und Land; sie machte träge und stumpf. Aus den Erdhütten traten die Männer; schwer stapften sie durch den Sand. Bejo hatte sein mächtiges Kernbeil in der einen und die Streitaxt in der anderen Hand; am Feuerstein auf dem Hügel wollte er sie schärfen. Ado und Urg gingen mit Pfeilbögen, Spaltern und Speeren zur Feuerstelle, um Schäfte oder Steinspitzen in die Jagdwaffen zu brennen. Erdo winkte den Knaben, daß sie mitgingen, um nach den Wolfsgruben zu sehen.
Hinter Bejos Hütte saß Haga mit ihrem Kinde. Leise summte sie dem Knaben zu. Zuweilen strich ein Windhauch über das Land und nahm flüchtig die drückende Schwüle fort. Plötzlich rollte in weiter Ferne wieder der Donner. Er wurde unheimlich stark und verebbte dann wieder. Haga erblich und drückte den Knaben an sich. Das Dröhnen brach jetzt riesenhaft in die Stille. Welle auf Welle nahte brandend und wieder zerfließend. Die Luft war angefüllt vom Getöse. Haga versuchte zu schreien und zu fliehen, aber die Furcht lähmte und bannte sie. Wie versteinert stand sie an der Hütte. Sie hörte nicht das Jammern und Weinen der Frauen und Kinder, sie hörte nur das Stöhnen der Erde, die wieder und wieder aufbrüllte wie unter großen Schmerzen. Den ganzen Nachmittag und Abend toste das unterirdische Rollen. Der Boden wankte und schwankte. Die Menschen schrien und flohen in die Wälder. Als die Nacht sich niedersenkte, war es stiller geworden, aber die Stille war unheimlich und drohend.
Die Ahne rief die Männer der großen Sippe zu sich. Hochaufgerichtet stand sie vor ihnen und warnte: "Männer, wenn es Morgen wird, müßt ihr fortziehen! Der große Geist schickt das Feuer." Dann ging sie in die Hütte zu den Frauen. Bejo wußte, was die Ahne meinte, denn oft hatte sie am Winterfeuer von dem erzürnten Gotte erzählt, der das Feuer aus der Erde schleudert. Vor viel Zeit waren einmal viele ihrer Sippe vom Feuergott vernichtet worden.
Die Männer beschlossen den Aufbruch für die Frühe des kommenden Tages. Auf der Fliehburg der Hochacht, wo das Heiligtum der Gottheit stand, wollten sie Schutz suchen. Stumm gingen sie zurück in ihre Hütten.
Nach wenigen Stunden erschlug ein brüllender Lärm die nächtliche Stille und riß die Menschen aus ihrem Schlaf. Im Osten blitzte ein Feuerstrahl zum Himmel der Nacht, und eine schauerliche Musik des Unterganges schrie auf. Wieder bebte und schwankte die Erde. Der Wald bäumte sich auf und neigte seine Kronen. Die Baumriesen stürzten mit einem rauschenden Wehschrei in den Tod. Entsetzen lähmte die Menschen, aber die Angst um das Leben peitschte sie wieder auf. Sie liefen, fielen und krochen weiter wie Tiere über den bebenden Grund. Breit klaffte die Erde auf und ließ einen gähnenden Abgrund zurück.
Bejos Hütte war zusammengestürzt. Vor ihren Trümmern kauerte Haga mit ihrem Knaben. Sie war nicht mit den anderen in die Wälder geflohen, sie wußte, daß es keine Flucht gibt, wenn der Geist des Himmels Unheil schicken will.
Die Sonne gebar einen neuen Tag, aber ihr Leuchten erhellte nicht das Land. Ein graues, dunkles Ungeheuer stand zwischen Himmel und Erde, breitete sich düster aus am Firmamente und senkte sich schweigend über die Welt. Rote Flammen schlugen aus der Rauchwolke. Die Wälder brannten auf und warfen ihre Fackeln in den bleichen Morgen. Der heiße Atem der Vernichtung flutete näher und näher zur Siedlung der Wollrath. Die friedlichen Hütten wurden sein Opfer, als hinter ihnen schon das große Haus des Waldes lohte und alle begrub, die darin Schutz gesucht hatten.
Haga sah die unerbittlichen Flammen rings um sich und hörte die letzten Schreie der Sterbenden. Groß und aufrecht erwartete sie den Tod. Er kam durch den grauweißen Regen des heißen Staubes, der sie und das schlafende Kind in seinen glühenden Mantel hüllte.
Haga starb als die Letzte ihrer großen Sippe.

Heinz Müller

(Aus dem Buch: "Heimat zwischen Rhein und Mosel" 1954 v. Dr. Heinz Müller, erschienen in Mayen; Stadtmuseum Andernach.)

Der Raubritter vom Laacher See

Nahe am Gestade, das der Benediktinerabtei zu Laach gegenüberliegt, erhob sich vor Zeiten eine Burg, deren feste Türme stolz und kühn in die Eifellandschaft hinausschauten. Dort wohnte ein räuberischer Ritter, dem nichts heilig war; er spottete der Religion, raubte und plünderte, wo er nur konnte, und brachte besonders dem Kloster viel Unheil und Schaden. Darüber hielt der Abt oft strenge Predigten und verklagte den Ritter bei dem Schutzherrn des Klosters. Da sann der Raubritter auf Rache. Einmal täuschte er vor, ernstlich krank zu sein. Er sandte Eilboten nach dem Kloster mit der dringenden Bitte, der Abt möge eiligst nach der Burg kommen, um ihn vor seinem nahen Tode mit Gott zu versöhnen. Auch die Brüder möchten mitkommen, um durch ihre Fürbitten seine arme Seele dem Schöpfer zu empfehlen. Über solche Bußfertigkeit des Ritters herrschte im Kloster große Freude. Abt und Brüder fuhren ohne Bedenken in ihren Schlitten über den eben zugefrorenen See. Doch ein gutgesinnter Diener von der Burg kam ihnen entgegen und beschwor sie, sofort umzukehren. Die Krankheit und Reue seines Herrn seien eitel Lug und Trug. Der Ritter wolle sie nur in die Burg locken, um sie allesamt zu töten. Kaum hatten die erschreckten Mönche sich zur eiligen Rückkehr gewandt, als ihnen schon der Bösewicht, der vom Altan der Burg den Vorgang beobachtet hatte, mit seinen Spießgesellen über die Eisdecke auf schnellen Rossen nachsprengte. Schon zielte der Verfolger nach dem Haupte des Abtes. Doch im selben Augenblick faßte der Mönchschlitten Land, während hinter ihm dröhnend die Eisdecke barst und einbrach. Ritter und Gesellen versanken mit ihren Rossen in die grundlose Tiefe. Dort hausen sie noch heute - als des Teufels Spielgenossen.

nach Michael Zender

(Aus dem Buch: "Heimat zwischen Rhein und Mosel" 1954 v. Dr. Heinz Müller, erschienen in Mayen; Stadtmuseum Andernach.)

 

Der Fischerknabe

Am winterlichen Herdfeuer hatte die Großmutter des Fischerbuben Herm viele Abende von großen, fernen Städten mit prachtreichen Palästen, von guten und bösen Geistern in Wäldern und Wassern und manches Wundersame vom heimatlichen Grunde erzählt. Immer lauschte der Knabe mit ganzer Seele. Wie schön mußte es doch sein, so dachte er oft, in dieses wunderliche Land zu schauen! Einmal erzählte ihm die Großmutter von einem versunkenen Schloß und großen versunkenen Schätzen auf dem Grunde des Laacher Sees. So märchenschön hatte die Großmutter das Schloß und die Schätze geschildert, daß ihn eine namenlose Sehnsucht trieb, diese Pracht einmal selbst schauen. Und er machte sich auf den Weg und kam ans Ufer des blauen Sees. Obgleich es schon dämmerte, stieg er in einen Nachen und ruderte über das Wasser. Als er sich der Mitte näherte, hörte er aus der Tiefe ein wundersames Klingen von Harfen und Flöten. Da beugte er sich aus dem Kahne und sah tief unten einen herrlichen Palast mit hellerleuchteten Sälen, in welchem glänzende Nixen und Feen sich in anmutigem Tanze drehten. Sobald sie den Buben gewahrten, schwebten sie nach oben und luden ihn mit holdem Lächeln ein, mit ihnen den Reigen zu tanzen. "Großmutter, du logest nicht," sprach er leise vor sich hin und faßte die weiße Hand, die sich ihm aus den Wellen reichte. Langsam glitt er aus dem Nachen und verschwand in den Fluten.
Als der Morgen von den Höhen ins Laacher Tal kam, stand ein Fischer am Ufer des Maares. In der Mitte des Sees sah er einen leeren Kahn treiben, und es wurde ihm bang in furchtbarer Ahnung. Rasch zog er die Netze ein, zog sie ans Land und sah darin die Leiche seines Kindes.

nach Michael Zender

(Aus dem Buch: "Heimat zwischen Rhein und Mosel" 1954 v. Dr. Heinz Müller, erschienen in Mayen; Stadtmuseum Andernach.)

 

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