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Die Keller Nachbarschaften

(Beitrag von Gaby und Egon Kulmus)

Spricht man von Nachbarschaft, so muss man zunächst einmal unterscheiden zwischen den festen, organisierten Nachbarschaften, um die es hier geht, und den Nachbarschaften im engeren Sinne, die im Krankheitsfall helfen oder auch z.B. bei der Vorbereitung einer Familienfeier - eben den Nachbarn, deren Hilfe sicher schon so mancher von uns erfahren und dankbar angenommen hat.

Hier in Kell finden wir 3 organisierte Nachbarschaften - die Unterdorfer, die Oberdorfer und die Hintergässer Nachbarschaft. Die Zugehörigkeit zu einer Nachbarschaft richtet sich nach festen Grenzen. Die Einteilung wurde wahrscheinlich schon mit Beginn der Nachbarschaften festgelegt. So befindet sich z.B. im Oberdorfer Nachbarschaftsbuch ein Vermerk aus dem Jahre 1778, dass "als Nachbarn verbunden sein sollen der Laacher Hof bis herunter an Hieronimus Schäffers Haus - beide Straßenseiten", also die heutige Laacher Straße.

Bis vor einigen Jahren bildete die Einmündung der Landstraße (Brohltalstraße) in die ehemalige Hauptstraße die Grenze der Nachbarschaften. Sie teilte die Hauptstraße in Oberdorf und Unterdorf mit Kirche. Die von der Hauptstraße nach Süden verlaufenden Gassen, zählten zur Hintergässer Nachbarschaft. Im Laufe der Zeit vergrößerte sich unser Dorf. Viele neue Straßen und Häuser sind entstanden. So wurde es dringend notwendig, die Nachbarschaftsgrenzen neu festzulegen, was dann auch bei der Zusammenkunft der drei Nachbarschultheißen am 01. April 1988 geschah.

Seitdem gilt nun folgende Einteilung:

Zur Oberdorfer Nachbarschaft gehört der Wickegarten ab Haus Nr. 7 (Reinhard Müller) in Richtung Laacher Straße, "In der Spitze", die Laacher Straße vom Ortseingang bis zum Buswendeplatz und als neue Straßen der Finken-, Lerchen- und Amselweg, außerdem noch die Heerder Hohl.

Zur Unterdorfer Nachbarschaft zählt die Laacher Straße ab dem ehemaligen Gasthaus "Zum Laacher See" (heute Kreissparkasse)und der alten Schule (heute Wohnhaus Pfeiffer) über den Eichenhain bis zum Ortsausgang, weiter dann die Brohltalstraße, Lubentius- und Schmiedgasse, der Rheinecker Garten, Burgfrieden, Henricusstraße und Kelterbaum.

Zur Hintergässer Nachbarschaft wurden eingeteilt die Pöntertalstraße, Welchengasse, Zum Heilbrunnen, der Wickegarten ab der Pöntertalstraße bis zum Haus Nr. 7 (Reinhard Müller) und die Keller Höfe.

Wann unsere Nachbarschaften entstanden sind, ist nicht sicher zu belegen. Nimmt man jedoch die ersten Eintragungen in den Nachbarschaftsbüchern als das Gründungsjahr an, so begann die Unterdorfer Nachbarschaft am 20. Februar 1742, also vor 252 Jahren; die Oberdorfer im Jahre 1724 und die Hintergässer demnach erst am 23. März 1833. Es ist jedoch die Rede davon, dass ein älteres Buch der Hintergässer existiert haben soll.

Über den Verbleib der alten Bücher der Nachbarschaften ist mir nichts bekannt. Dass es ältere Bücher für die Unterdorfer wie auch die Oberdorfer Nachbarschaft gab, ist sicher.

Im Oberdorfer Nachbarschaftsbuch, das im Jahre 1778 begonnen wurde und noch heute geführt wird, ist vermerkt, dass "dieses neue Nachbarbuch angeschafft wurde, da das alte vollgeschrieben war". Die alten Aufzeichnungen sind wohl nicht mehr vorhanden.

Anders verhält es sich bei den Unterdorfern. Das alte Buch dieser Nachbarschaft wurde im Jahre 1823 von Mathias Gerhartz abgeschrieben, so dass alle Aufzeichnungen ab 1742 bis zum heutigen Tag vorhanden sind. Da erfahren wir z.B. die Namen all derer, die als erste in die Nachbarschaft aufgenommen wurden, insgesamt 45 Personen, zum Teil Familiennamen wie Seibert, Geishecker, Nachtsheim, die wir noch heute in Kell finden. Zum ersten Schultheiß der Unterdorfer Nachbarschaft wurde Johann Peter Horn gewählt. Erster Schöffe war Christoffel Seibert und erster Knecht Diwald Knöll.

Auch wenn das Unterdorfer Nachbarschaftsbuch die ältesten noch vorhandenen Aufzeichnungen enthält, so bietet es doch außer den Namen der Mitglieder wenig Informationen. Viel interessanter ist da das Buch der Oberdorfer Nachbarschaft, das ab 1778 die Namen und Todesdaten ihrer verstorbenen Mitglieder aufzeigt.

Die Nachbarschaften haben von Beginn an ihre festen Regeln. Die Statuten der Unterdorfer Nachbarschaft aus dem Jahre 1742 habe ich nachfolgend in für uns etwas leichter zu verstehende Sätze abgeändert:

"Wenn jemand aus der Nachbarschaft stirbt, so versprechen alle, dass ein jeder einen Stüber gibt. Von diesen Stübern soll eine hl. Messe gelesen werden, und von dem Rest soll eine Kerze gekauft werden.

Weiter versprechen sie alle, dass, wenn jemand aus der Nachbarschaft stirbt, jeder mit zum Begräbnis und zu den drei "Bekenntnistagen"(?), sowie die drei Wochen zum Opfer gehen soll. Wenn dies aber aus irgendwelchen Gründen nicht gehen sollte, so sollen beide, wenigstens jedoch einer, in das Haus gehen, wo der Tote aufgebahrt liegt. Dann soll er den Nachbarschultheiß verständigen. Dieser soll den Schöffen beauftragen, die vier Männer zu bestellen, die den Sarg tragen. Weiter soll er den Knecht beauftragen, die Stüber einzusammeln, die hl. Messe zu bezahlen und die Kerze zu kaufen. Außerdem soll der Knecht diese Kerze bei der Beerdigung vor dem Toten hertragen sowie an den "Bekenntnistagen"(?) um den Altar herum."

Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Vorschriften verändert bzw. ergänzt. Eine solche Ergänzung finden wir z.B. im Unterdorfer Nachbarschaftsbuch im Jahre 1963. Hier wurde beschlossen, dass jedes Mitglied bis zum 65. Lebensjahr verpflichtet ist, sich am Tragen sowie am Ausheben des Grabes zu beteiligen.

Ist das Mitglied durch Krankheit oder andere Gründe verhindert, so ist es gehalten, einen Ersatzmann zu stellen. Diese Regelung wurde sogar noch verschärft durch den einstimmigen Beschluss der Nachbarschaftsversammlung im Jahre 1991, dass derjenige, der aus von ihm zu vertretenden Gründen nicht den Sarg trägt, an die Nachbarschaftskasse einen Betrag von 40,-- DM zu zahlen hat. Weitere Richtlinien werden derzeit von den einzelnen Nachbarschaften erarbeitet.

Einmal im Jahr, und zwar am ersten Fastensonntag, treffen sich die Nachbarn nach wie vor zu der Nachbarschaftsversammlung, die bis vor einigen Jahren alle in den Keller Gaststätten stattfanden. Mag es Zufall sein oder nicht, jedenfalls hatte jede Nachbarschaft in ihrem Gebiet ihre eigene Gaststätte.

Bei dieser Versammlung, die vom Schultheiß geleitet wird, werden Schultheiß, Schöffe und Knecht aus der Reihe der Mitglieder in jedem Jahr neu gewählt oder bestimmt. Es kommt auch vor, dass der Schultheiß für einige Jahre gewählt wird. Knecht sollte nach Möglichkeit ein Neuzugezogener oder ein Eingeheirateter sein, also jemand, der neu in die Nachbarschaft aufgenommen wurde.

Die Neugewählten haben nach alter Sitte eine Spende zu geben. Am 14.02.1771 wurde von den Unterdorfer Nachbarn beschlossen, dass der neugewählte Schultheiß 6 Stüber geben sollte und der Schöffe 4 Stüber. Außerdem wurde festgelegt, dass Neuaufgenommene 12 Stüber zahlen sollten.

Offenbar kam etwas Unmut auf, was den Beitritt zur Nachbarschaft betrifft, denn am 28.02.1773 sind "die Nachbarn einig geworden, dass derjenige, der sich nicht im ersten Jahr in die Nachbarschaft einschreiben lässt, das andere Jahr 24 Stüber zahlen muss".

So spenden die Neugewählten, wie schon seit langer Zeit, pro Person 1,-- DM. Neuaufgenommene Mitglieder zahlen eine einmalige Aufnahmegebühr in Höhe von 2,-- DM. Jedes Mitglied hat z.Zt. bei Bedarf einen Beitrag von 5,-- DM zu leisten, denn wenn jemand aus der Nachbarschaft stirbt, erhält die Familie des Verstorbenen aus dieser Kasse einen Obolus in Höhe von 200,-- DM. Verfügt die Nachbarschaft nicht über diesen Betrag, so kommt der Knecht zum Einsatz, denn seine Aufgabe ist es die Sargträger zu bestellen und die Beiträge einzusammeln. Auch diese Aufgaben wurden mittlerweile modifiziert und sind von Narbarschaft zu Nachbarschaft unterschiedlich.

Woher kommt nun diese Familienunterstützung? In Kell gab es nicht immer einen Totengräber. Starb jemand, so wurden Männer aus der jeweiligen Nachbarschaft dazu bestimmt, das Grab auszuheben. Ebenso, und das kennen wir ja heute auch noch, wurden die Sargträger aus ihrer Reihe gewählt. Später ging man dazu über die Männer für das Grabmachen zu entlohnen. Das waren zunächst 15,-- M, später 20,-- DM, dann 40,-- DM bis auf 50,-- DM.

Als Kell dann im Jahre 1970 in die Stadt Andernach eingemeindet und somit das Grabausheben von der Stadt übernommen wurde, beschloss man bei der nächsten Nachbarschaftsversammlung das hierfür vorgesehene Geld an die Trauerfamilie auszuzahlen. Und da die Beerdigungskosten immer höher anstiegen, wurde auch der Auszahlungsbetrag erhöht von anfangs 50,-- DM auf 100,-- DM, 1981 dann auf 150,-- DM, 1985 auf 200,-- DM und später (1999/1991) auf 250,-- DM. Die €-Umstellung wird eine Änderung mit sich bringen (z.B. 130 €).

In diesem Zusammenhang kann auch etwas über die Nachbarschaftskerze gesagt werden. Zu Beginn der Nachbarschaften wurde für jeden Verstorbenen eine Kerze gekauft, die dann vom Knecht bei der Beerdigung getragen wurde. Später hatte jede Nachbarschaft eine Kerze und heute alle drei Nachbarschaften eine gemeinsame Kerze, die vorne, an der rechten Seite des Sarges, bei der Aufbahrung in der Friedhofskapelle, stand. Mittlerweile gehört dies auch der Vergangenheit an. Die Nachbarschaftskerze wurde von dem örtlichen Bestattungsunternehmen L. Gasber erneuert und befindet sich an der Rückseite der Einsegnungshalle.

Außer bei Todesfällen tritt die Nachbarschaft noch beim Fronleichnamsfest in Erscheinung. Im jährlichen Wechsel richten die Nachbarschaften den Altar an der Schule her. Außerdem wird von einigen Familien noch ein weiterer "In der Spitze" errichtet. Früher gab es vier Altäre und außerdem wurden noch kunstvolle Bögen in mühevoller Kleinarbeit erstellt, die die Straßen zierten.

Interessant ist auch, dass die Keller Nachbarschaften im Gegensatz zu den meisten Nachbarschaften, keine Fahnen besitzen.

Es gibt sicher noch einiges mehr über die Nachbarschaften zu berichten, so z.B. den Ablauf der Nachbarschaftsversammlungen, die schon seit langer Zeit immer nach einem bestimmten Schema abgehalten werden.

Erwähnen möchte ich noch, dass die Nachbarschaften in einer Zeit entstanden sind, in der die Menschen noch nicht in der heutigen sozialen Sicherheit lebten und besonders auf die gegenseitige Hilfe angewiesen waren. Das gesamte Leben spielte sich im eigenen Dorf ab; dadurch war der Zusammenhalt viel größer als heute. Alles wurde gemeinsam erlebt - Arbeit und Feier, Freude und Leid.

Anmerkung:

Ich glaube, dass wir auch heute und in der Zukunft nicht ohne Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe auskommen können. Ein kleines Stück dörflicher Gemeinschaft können wir sicher durch unsere Nachbarschaften erleben. Deshalb sollten wir diese alte Tradition lebendig erhalten.

Gaby Kulmus (fortgeschrieben von Egon Kulmus)

Beispiel: Richtlinien der Unterdorfer Nachbarschaft Verfasser Egon Kulmus

 

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